Zettelwirtschaft im Handwerk: So werden Prozesse digital und zuverlässig

Unsere Prozesse funktionieren. Solange kein Zettel verloren geht.

Ein Zettel für den Rückruf. Einer für die Materialbestellung. Einer mit den Maßen von der Baustelle. Und dann ist da noch der Zettel mit einer Telefonnummer, aber leider ohne Namen.

Das System funktioniert. Meistens.

Problematisch wird es, wenn eine wichtige Information nur an einem einzigen Ort existiert: auf einem Stück Papier, das niemand eindeutig zuordnen kann. Dann werden Rückrufe vergessen, Bestellungen verzögert und Absprachen müssen erneut geklärt werden.

Digitale Prozesse im Handwerk können solche Informationsverluste verhindern. Entscheidend ist dabei nicht, Papier einfach durch eine App zu ersetzen. Informationen müssen vollständig erfasst, einem Kunden oder Auftrag zugeordnet und für die zuständigen Mitarbeitenden auffindbar sein.

Ein sinnvoller Einstieg ist deshalb ein kleiner, häufig genutzter Ablauf, zum Beispiel die Bearbeitung von Rückrufbitten.

Der Zettel ist nicht das eigentliche Problem

Papier ist im Handwerk nicht grundsätzlich schlecht. Ein Notizblock ist schnell zur Hand, braucht keinen Akku und funktioniert auch dann, wenn auf der Baustelle gerade keine Internetverbindung verfügbar ist.

Schwierig wird es, wenn der Zettel gleichzeitig als Information, Erinnerung und Arbeitsauftrag dienen soll. Dann muss dieses kleine Stück Papier erstaunlich viele Aufgaben übernehmen: Es muss lesbar und vollständig sein, bei der richtigen Person ankommen, einem Kunden oder Auftrag zugeordnet werden und bis zur Erledigung verfügbar bleiben. Anschließend sollte außerdem nachvollziehbar sein, was vereinbart oder erledigt wurde.

Solange ein Betrieb überschaubar ist und erfahrene Mitarbeitende jeden Kunden, jede Baustelle und jede laufende Anfrage kennen, lassen sich Lücken häufig durch persönliches Wissen schließen. Der Meister erkennt die Telefonnummer. Eine Kollegin erinnert sich an das Gespräch. Der Projektleiter weiß anhand der Maße, um welche Baustelle es sich handeln muss.

Mit steigender Auftragszahl wird dieses Vorgehen jedoch störanfällig. Mehrere Baustellen laufen parallel, Mitarbeitende sind im Urlaub oder krank und neue Kollegen kennen die gewachsenen Abläufe noch nicht. Was vorher irgendwie funktioniert hat, führt plötzlich zu Rückfragen, Suchzeiten und unnötigen Verzögerungen.

Das eigentliche Problem ist deshalb nicht der einzelne Zettel. Es ist ein Ablauf, der nur funktioniert, solange sich die richtige Person im richtigen Moment an die richtige Information erinnert.

Wenn Informationen zu Einzelstücken werden

Besonders gefährdet sind Informationen, die nur an einer Stelle vorhanden sind und nur von einer Person richtig eingeordnet werden können.

Das betrifft nicht nur handschriftliche Notizen. Auch eine Nachricht in einem persönlichen Messenger-Chat, ein Foto auf dem Smartphone eines Monteurs oder eine Excel-Datei auf dem Rechner eines Mitarbeitenden kann zum digitalen Einzelstück werden. Die Information ist zwar vorhanden, aber für den Betrieb nicht zuverlässig nutzbar.

Ein typisches Beispiel sind Maße, die auf der Baustelle notiert werden. Zurück im Büro müssen sie einem Auftrag zugeordnet und möglicherweise erneut in eine Kalkulation oder Materialliste übertragen werden. Ist die Notiz unvollständig, beginnt die Rückfrage: Auf welches Fenster bezieht sich das Maß? Handelt es sich um die fertige Öffnung oder das Rohbaumaß? Ist die Angabe aktuell oder wurde vor Ort noch eine Änderung besprochen?

Ähnlich ist es bei Baustellenfotos. Ein Foto kann einen wichtigen Mangel oder eine besondere Einbausituation dokumentieren. Ohne Baustellenbezug, Datum oder kurze Beschreibung bleibt jedoch unklar, was genau darauf zu sehen ist und welche weitere Maßnahme daraus folgt.

Die Information selbst ist also nur ein Teil des Vorgangs. Ebenso wichtig sind ihr Zusammenhang, die Zuständigkeit und der nächste Arbeitsschritt.

Kleine Informationslücken haben spürbare Folgen

Ein verlorener Rückrufzettel wirkt zunächst wie eine Kleinigkeit. Für den Kunden entsteht trotzdem der Eindruck, dass sich niemand um sein Anliegen kümmert. Ruft er erneut an, muss das Büro erst herausfinden, wer ursprünglich zuständig war und worum es bei der Anfrage ging.

Bei Materialbestellungen können fehlende Angaben größere Auswirkungen haben. Fehlen Menge, Artikelnummer, Einsatzort oder benötigter Termin, muss die Information erneut beschafft werden. Im ungünstigen Fall steht ein Monteur auf der Baustelle, obwohl das erforderliche Material noch nicht verfügbar ist.

Auch doppelte Erfassungen kosten Zeit. Wenn Notizen von der Baustelle später im Büro in eine Excel-Liste, eine E-Mail oder die Branchensoftware übertragen werden, wird dieselbe Information mehrfach bearbeitet. Dabei können Fehler entstehen. Außerdem bleibt häufig unklar, welche Version aktuell und verbindlich ist.

Hinzu kommt die Abhängigkeit von einzelnen Mitarbeitenden. Erfahrene Kollegen werden immer wieder gefragt, weil nur sie bestimmte Zusammenhänge kennen. Das unterbricht ihre eigentliche Arbeit und macht den Betrieb anfällig für Urlaub, Krankheit, Kündigung oder Ruhestand.

Ein Prozess ist nicht zuverlässig, wenn er nur funktioniert, solange eine bestimmte Person verfügbar ist.

Was einen digitalen Prozess ausmacht

Ein digitaler Prozess ist mehr als ein eingescanntes Papierformular. Er verbindet eine Information mit ihrem betrieblichen Zusammenhang und sorgt dafür, dass der daraus entstehende Vorgang nachvollziehbar bearbeitet werden kann.

Bei einer Rückrufbitte bedeutet das beispielsweise, dass Name, Telefonnummer und Anliegen zentral erfasst werden. Die Anfrage wird nach Möglichkeit einem Kunden oder Auftrag zugeordnet. Anschließend wird festgelegt, wer den Rückruf übernimmt. Die zuständige Person erhält eine Benachrichtigung und kann nach dem Gespräch dokumentieren, welches Ergebnis erzielt wurde oder welche nächste Aufgabe daraus entstanden ist.

Damit wird nicht nur der Zettel digital dargestellt. Der gesamte Weg der Information wird verlässlicher. Im Büro ist erkennbar, welche Rückrufe noch offen sind. Bei Abwesenheit kann eine Vertretung den Vorgang übernehmen. Wenn der Kunde erneut anruft, lässt sich nachvollziehen, was bereits besprochen wurde.

Das gleiche Prinzip lässt sich auf Materialanforderungen, Mängelmeldungen, Baustellenfotos oder interne Freigaben übertragen.

Ein guter digitaler Prozess beantwortet vier grundlegende Fragen:

  1. Welche Information liegt vor?
  2. Zu welchem Kunden, Auftrag oder Projekt gehört sie?
  3. Wer ist für die Bearbeitung zuständig?
  4. Was muss als Nächstes passieren?

Digitalisierung beginnt mit einer konkreten Störung

Viele Digitalisierungsprojekte starten mit einer Softwarefrage. Soll eine neue App eingeführt werden? Kann SharePoint dafür genutzt werden? Braucht der Betrieb eine andere Handwerkersoftware?

Diese Fragen kommen häufig zu früh. Bevor ein Werkzeug ausgewählt wird, sollte klar sein, welches konkrete Problem gelöst werden soll.

„Wir wollen digitaler werden“ ist dafür zu allgemein. „Unsere Rückrufbitten gehen regelmäßig verloren“ ist dagegen ein guter Ausgangspunkt. Auch Aussagen wie „Die Maße von der Baustelle müssen im Büro erneut übertragen werden“ oder „Wir können nicht erkennen, ob Material bereits bestellt wurde“ beschreiben ein konkretes betriebliches Problem.

Danach wird der tatsächliche Ablauf betrachtet. Wo entsteht die Information? Welche Angaben werden benötigt? Wer braucht sie als Nächstes? Woran ist zu erkennen, dass der Vorgang abgeschlossen ist? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, kann sinnvoll entschieden werden, ob eine bestehende Branchensoftware, Microsoft 365 oder ein anderes Werkzeug zum Prozess passt.

Ein realistischer Einstieg für Handwerksbetriebe

Der erste digitale Prozess sollte klein genug sein, um ihn im Alltag testen zu können. Die vollständige Auftragsabwicklung auf einmal umzugestalten, ist für viele Betriebe kein sinnvoller Einstieg. Besser eignet sich ein Vorgang, der häufig vorkommt und bei dem der Nutzen einer Verbesserung schnell erkennbar wird.

Rückrufbitten sind dafür ein gutes Beispiel. Der heutige Ablauf lässt sich meist schnell beschreiben: Ein Kunde ruft an, eine Mitarbeiterin notiert die Angaben und legt den Zettel auf den Schreibtisch des zuständigen Kollegen. Dieser ruft zurück und gibt das Ergebnis möglicherweise mündlich weiter.

Schon dabei werden die Schwachstellen sichtbar. Es gibt keine zentrale Übersicht über offene Rückrufe. Der Bearbeitungsstand ist nur für den zuständigen Kollegen erkennbar. Bei seiner Abwesenheit weiß möglicherweise niemand, ob der Kunde bereits kontaktiert wurde.

Ein digitaler Ablauf muss deshalb nicht möglichst umfangreich sein. Er sollte lediglich die notwendigen Angaben erfassen, Zuständigkeiten sichtbar machen und den Status des Vorgangs abbilden.

Für eine Rückrufbitte reichen häufig der Name des Anrufers, die Telefonnummer, das Anliegen, der Bezug zu einem Kunden oder Auftrag, die zuständige Person und der Bearbeitungsstatus. Ein kurzes Feld für das Gesprächsergebnis macht den Vorgang später nachvollziehbar.

Software ersetzt keine klaren Zuständigkeiten

Die meisten haben mit Microsoft 365 bereits eine starke Grundlage im Haus. Trotzdem bleibt ein großer Teil des Potenzials ungenutzt, weil Outlook, Word, Excel und Ein digitales Werkzeug kann Aufgaben zuweisen, Erinnerungen versenden und offene Vorgänge anzeigen. Es kann jedoch nicht von selbst klären, wer im Betrieb fachlich verantwortlich ist.

Deshalb sollten die Zuständigkeiten vor der technischen Umsetzung festgelegt werden. Wer erfasst den Vorgang? Wer bearbeitet ihn? Wer übernimmt bei Urlaub oder Krankheit? Wann gilt die Aufgabe als erledigt?

Wenn zwei Personen davon ausgehen, dass die jeweils andere den Rückruf übernimmt, hilft auch eine digitale Liste nicht weiter.

Ebenso wichtig ist eine zentrale und verbindliche Informationsquelle. Es muss klar sein, wo der aktuelle Stand eines Vorgangs zu finden ist. Wenn ein Teil der Informationen weiterhin auf Papier liegt, ein anderer Teil per E-Mail weitergegeben wird und der Status zusätzlich in einer Excel-Datei steht, entsteht keine Verbesserung. Die Zettelwirtschaft verteilt sich dann lediglich auf mehr Kanäle.

Welche Microsoft 365-Werkzeuge können unterstützen?

Wenn Microsoft 365 im Betrieb bereits eingesetzt wird, lassen sich einfache Abläufe häufig mit vorhandenen Anwendungen abbilden. Das Werkzeug sollte allerdings immer zum Prozess passen.

Mit Microsoft Lists können Rückrufbitten, Materialanforderungen oder Mängel in einer gemeinsamen Liste erfasst werden. Zuständigkeiten, Termine und Bearbeitungsstände werden direkt am Vorgang hinterlegt. Unterschiedliche Ansichten können beispielsweise alle offenen Aufgaben oder nur die Vorgänge einer bestimmten Person zeigen.

SharePoint kann Dokumente, Listen und weitere Informationen an einer zentralen Stelle zusammenführen. Daraus kann eine gemeinsame Arbeitsumgebung für Aufträge, Baustellen, Vorlagen oder Prozesswissen entstehen. Hilfreich ist sie jedoch nur, wenn die Struktur verständlich bleibt. Zu viele Ablageorte und uneinheitliche Bezeichnungen verlagern die Suche lediglich vom Aktenschrank auf den Bildschirm.

Mit PowerApps lassen sich Eingabemasken entwickeln, die auf die konkrete Arbeitssituation zugeschnitten sind. Eine Materialanforderung könnte direkt von der Baustelle erfasst werden. Auftrag, Material, Menge, Foto und gewünschter Liefertermin bleiben dabei in einem Vorgang verbunden.

PowerAutomate kann anschließend festgelegte Schritte unterstützen. Bei einer neuen Rückrufbitte erhält die verantwortliche Person automatisch eine Benachrichtigung. Bleibt der Vorgang zu lange offen, kann eine Erinnerung ausgelöst werden.

Automatisiert werden sollte allerdings erst, wenn der fachliche Ablauf geklärt ist. Ein unklarer Prozess wird durch Automatisierung nicht besser, sondern nur schneller unübersichtlich.

Der neue Ablauf muss im Alltag funktionieren

Ein Prozess kann technisch sauber eingerichtet und trotzdem unpraktisch sein. Deshalb sollte die Lösung früh unter realistischen Bedingungen getestet werden.

Im Büro funktioniert eine Eingabemaske vielleicht problemlos. Auf der Baustelle zeigt sich jedoch, dass zu viele Felder ausgefüllt werden müssen oder wichtige Angaben fehlen. Auch Benachrichtigungen müssen sinnvoll dosiert werden. Werden Mitarbeitende wegen jeder kleinen Änderung informiert, gehen wichtige Meldungen schnell in der Menge unter.

Ebenso wichtig sind einheitliche Begriffe und gepflegte Stammdaten. Wenn dieselbe Baustelle in verschiedenen Systemen unterschiedlich bezeichnet wird, entstehen neue Zuordnungsprobleme.

Die Mitarbeitenden sollten außerdem verstehen, warum sich der Ablauf verändert. Eine kurze Erklärung des betrieblichen Nutzens ist häufig hilfreicher als eine lange Softwareschulung. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten wissen, was sie künftig anders machen und wo sie den aktuellen Bearbeitungsstand finden.

Typische Fehler bei der Umsetzung

Ein häufiger Fehler besteht darin, das alte Papierformular unverändert digital nachzubauen. Dabei werden Felder und Freigabeschritte übernommen, die möglicherweise gar nicht mehr benötigt werden. Digitalisierung bietet die Gelegenheit, den Ablauf zunächst zu vereinfachen.

Problematisch ist auch der Parallelbetrieb mehrerer Ablagen. Wenn dieselbe Information auf Papier, in Excel, per E-Mail und zusätzlich in einer App gepflegt wird, steigt der Aufwand. Für jeden Inhalt sollte deshalb klar sein, welches System die verbindliche Quelle darstellt.

Auch Lösungen, die ausschließlich aus Sicht des Büros entwickelt werden, funktionieren im Alltag oft nicht. Monteure und Meister arbeiten unter anderen Bedingungen. Die mobile Erfassung muss schnell, verständlich und ohne unnötige Zwischenschritte möglich sein.

Ausnahmefälle sollten ebenfalls berücksichtigt werden. Dazu gehören eine fehlende Internetverbindung, ein noch nicht angelegter Kunde oder die kurzfristige Abwesenheit des Verantwortlichen. Nicht jeder Sonderfall muss technisch automatisiert werden. Er sollte aber organisatorisch geklärt sein.

Warum KI nicht der erste Schritt ist

KI kann beim Suchen, Zusammenfassen und Zuordnen von Informationen unterstützen. Dafür braucht sie jedoch eine verlässliche Grundlage.

Wenn Telefonnummern ohne Namen, Fotos ohne Auftragsbezug und Dokumente in unterschiedlichen Versionen vorliegen, kann auch eine KI nicht zuverlässig erkennen, welche Information aktuell und verbindlich ist.

KI-Readiness beginnt deshalb nicht mit der Einführung eines KI-Werkzeugs. Sie beginnt mit auffindbaren Informationen, klaren Zuständigkeiten und nachvollziehbaren Prozessen. Erst wenn Wissen und Daten strukturiert vorliegen, kann KI sinnvoll darauf zugreifen.

Fazit: Ein guter Prozess kann mehr als einen Zettel ersetzen

Zettel machen sichtbar, wo Informationen nicht eindeutig zugeordnet, weitergegeben oder dokumentiert werden. Sie sind jedoch selten die eigentliche Ursache des Problems.

Ein funktionierender digitaler Prozess sorgt dafür, dass eine Information einen Zusammenhang, eine Zuständigkeit und einen definierten nächsten Schritt erhält. Rückrufe werden dadurch nicht nur digital notiert, sondern nachvollziehbar bearbeitet.

Der beste Einstieg ist deshalb nicht die Auswahl einer möglichst umfangreichen Software. Es ist ein konkreter Vorgang, der heute Rückfragen, Suchzeiten oder Verzögerungen verursacht.

Sie möchten herausfinden, welcher Ablauf sich in Ihrem Betrieb für einen ersten Digitalisierungsschritt eignet?

Sprechen Sie mit uns über Ihre digitalen Prozesse. Gemeinsam betrachten wir, wo Informationen heute verloren gehen, welche Arbeitsschritte unnötig doppelt ausgeführt werden und wie ein überschaubarer, praxistauglicher Einstieg aussehen kann.

Michael Hoen

Geschäftsführer

Ihr Ansprechpartner wenn es um automatisierte Prozesse und individualisierte Applikationen geht. Wir digitalisieren nicht einfach, sondern optimieren Ihre Prozesse direkt. Das fördert die Produktivität und sorgt für zufriedenere Mitarbeiter.

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